Wie gelingt der Weg zurück in die Arbeitswelt nach einer psychischen Krise? Job Coach Andreas vom ZPR begleitet Menschen Schritt für Schritt – im Gespräch, im Betrieb und im Austausch mit Arbeitgebern und IV. Im Porträt erzählt er, was ihn antreibt, wo Hürden liegen und welche Erfolgsgeschichten ihn berühren.
Andreas, wie bist du Job Coach geworden und was hat dich an diesem Beruf besonders angesprochen? Welche Aus- oder Weiterbildungen hast du dafür mitgebracht?
Ausschlaggebend war meine Familie: Meine Frau und ich haben vier Kinder, drei Töchter und einen Sohn mit Down-Syndrom. Diese Erfahrung war für unser Familiengefüge manchmal herausfordernd, das Tolle war: Wir haben alle am gleichen Strick gezogen.
Heute arbeiten auch meine Töchter im sozialen Umfeld. Schon mit dreissig Jahren hatte ich den Plan, ab 50-jährig direkt mit Menschen zu arbeiten. Deshalb absolvierte ich verschiedene Coaching-Ausbildungen, darunter auch ein CAS im Bereich Job Coaching. Kurz vor meinem 50. Geburtstag trat ich dann meine erste Stelle als Job Coach an. Ich arbeite sehr gerne mit Menschen, baue Beziehungen auf und kann gut zuhören, dies ist genau mein Ding. Aus meiner Zeit im Verkauf bringe ich Erfahrung im Verhandeln, ein gutes Netzwerk im ersten Arbeitsmarkt sowie Kenntnisse im Sozialversicherungsrecht und den Institutionen im sozialen Bereich mit. Es ist auch von Vorteil ein gutes Netzwerk im ersten Arbeitsmarkt zu haben und in der Sache gut miteinander verhandeln zu können.
Als Generalist bin ich flexibel, denn jeder Tag kann trotz «Drehbuch» anders verlaufen. Ein Job Coach ist wie eine Drehscheibe, ich koordiniere und führe Gespräche mit Kund*innen, Arbeitgebenden, Fachpersonen der IV und der Krankentaggeldversicherungen sowie Psycholog*innen.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?
Ich bin viel unterwegs um gemeinsam mit Kund*innen Gespräche bei Firmen im ersten Arbeitsmarkt zu führen, oft mit den jeweiligen Vorgesetzten. Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit besteht zudem in der telefonischen Akquise von Einsatzplätzen.
Daneben übernehme ich administrative Aufgaben, wie das Erstellen von IV-Berichten oder die Koordination von Sitzungen.
Regelmässig haben wir Job Coaches auch Fallbesprechungen mit unserem Oberarzt.
Auch der Austausch im Team Job Coach Placement ist wichtig: Wir unterstützen uns gegenseitig bei der Suche nach passenden Einsatzplätzen oder Festanstellungen. Zudem helfen gegenseitige Fallbesprechungen und Intervisionen. Die «Psychohygiene» ist uns wichtig.
Wie läuft der Prozess ab, vom ersten Kontakt bis hin zur Arbeitsintegration?
Erstgespräch: Zunächst findet ein Vorstellungsgespräch mit der/dem IV-Case Manager*in, der/dem Kund*in und dem Job Coach statt. Dabei werden Zielsetzung, der aktuelle Stand sowie bestehende Herausforderungen besprochen.
Coachinggespräche: In weiteren Gesprächen zwischen Kund*in und Job Coach lernen sich beide besser kennen, konkretisieren die Ziele, besprechen die relevanten Unterlagen und erläutern nochmals den Ablauf des Coachingsprozesses.
Planung der Massnahme:
Coachingphase: Der individuelle Coachingprozess beginnt, gearbeitet wird dabei nach der Zielvereinbarung zwischen Kund*in, Job Coach und IV. Die Gespräche können im Job Coach Placement oder im Unternehmen stattfinden. Der Einbezug und Austausch mit der therapeutischen Begleitung ist ebenfalls wichtig.
Abschluss- und Auswertungsgespräch: Am Ende besprechen alle Beteiligten die Ergebnisse, das weitere Vorgehen und einen möglichen Ausblick. Oft wird die Massnahme verlängert, um den Fokus verstärkt auf die Stellensuche zu legen.
Mit welchen Institutionen arbeitest das Job Coach Placement, das Zentrum für Psychiatrische Rehabilitation (ZPR) zusammen?
Wir erhalten vor allem Aufträge der IV-Stelle Kanton Bern mit den Zweigstellen in Burgdorf und Thun. Auch Sozialdienste, Krankentaggeldversicherungen oder Arbeitgebende direkt gehören zu unseren zuweisenden Stellen.
Selbstverständlich können auch Selbstzahler*innen die Angebote nutzen.
Das ZPR ist in Bern sowie den Regionen Emmental und Berner Oberland sehr gut vernetzt. So stärken wir auch die UPD-interne Vernetzung mit dem Ziel, die Patient*innenpfade zu verbessern und die psychiatrische Nachsorge im Bereich Arbeit frühestmöglich zu gewährleisten. Das Team BeO arbeitet im Berner Oberland beispielsweise mit den Spitäler fmi zusammen.
Welche gesellschaftlichen oder strukturellen Hürden begegnen dir immer wieder?
Es besteht nach wie vor eine Stigmatisierung bzw. eine gewisse Hemmung im Umgang mit Menschen mit psychischen Erkrankungen. Zudem gibt es strukturelle Hürden: Bestimmte Vorgaben lassen sich aufgrund gesetzlicher Rahmenbedingungen nicht immer einfach und pragmatisch umsetzen.

Gibt es ein Erlebnis mit einer Kund*in, das dich besonders bewegt hat?
Es gibt unzählige Beispiele. Eines davon ist ein Mann, der nach seiner Tätigkeit in der Gastronomie aufgrund eines Burn-outs, kaum noch sprechen konnte und auch körperlich angeschlagen war. Schliesslich fand er einen spannenden Einstieg in ein neues Berufsfeld, in dem er seine bisherigen Erfahrungen einbringen und gleichzeitig neu beginnen konnte. Aus regelmässigem Kontakt weiss ich, dass dieser Kunde heute selbst Wiedereinstiegsplätze anbietet.
Was wünschst du dir für die Weiterentwicklung der Arbeitsintegration?
Mehr Offenheit in der Gesellschaft, in der Politik und Arbeitgebenden und mehr Entscheidungskompetenzen für den Job Coach wären wünschenswert.
Ich kenne zum Beispiel ein Unternehmen im ersten Arbeitsmarkt, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine bestimmte Anzahl Menschen mit psychischen Herausforderungen langfristig zu integrieren. Diese Firma erkennt den Mehrwert, den solche Menschen in ein Team einbringen können. In Abstimmung mit dem Job Coach können zu Integrierende je nach Fähigkeiten und Kompetenzen gezielt in ein entsprechendes Stellenprofil eingeführt werden. Wenn sich mehr Unternehmen im ersten Arbeitsmarkt diesem Beispiel anschliessen würden, hätte das aus meiner Sicht positive Auswirkungen auf die Gesellschaft und Politik.
Wie sorgst du selbst für Ausgleich und Erholung?
In meiner Freizeit bin ich Ausdauersportler: Ich laufe gerne in den Bergen und bin mit dem Bike unterwegs. Meine Familie und insbesondere meine Grosskinder bedeuten mir viel, mit ihnen bin ich auch häufig unterwegs.
Was würdest du jemandem raten, der oder die sich für den Beruf des Job Coaches interessiert?
Ein Job Coach sollte ein Generalist sein, ein Herz für Menschen mit psychischen Herausforderungen haben und sowohl Coachingkompetenzen als auch Erfahrung im ersten Arbeitsmarkt mitbringen.
Job Coach Placement
Der Übergang zurück in die
Arbeitswelt ist für viele Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ein
grosser Schritt, einer, der Mut, Zeit und individuelle Begleitung erfordert.
Hier setzt das Job Coach Placement (JCP) an: Es unterstützt Menschen im
Auftrag der IV-Stelle Kanton Bern dabei, neue berufliche Perspektiven zu
entwickeln und nachhaltige Integrationen in den ersten Arbeitsmarkt zu
schaffen.
Darüber hinaus engagiert sich das Job Coach Placement für die Förderung der psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt und geht der Frage nach, wie es im heutigen Arbeitsmarkt gelingen kann «psychisch gesund zu bleiben». Eine Schlüsselrolle übernehmen dabei die Job Coaches: Sie begleiten die Menschen auf diesem Weg mit Fachwissen, Feingefühl und viel Engagement.
Die Angebote im Überblick:
- Coaching Arbeitsplatzerhalt: Unterstützung beim Sichern bestehender Arbeitsverhältnisse
- Ausbildungscoaching: Unterstützung beim Übergang von der Schule in die Ausbildung.Begleitung während einer erstmaligen beruflichen Ausbildung sowie im Übergang von Ausbildung in den Arbeitsmarkt.
- Coaching Integrationsmassnahmen (IM) : Dieses Angebot richtet sich an Personen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung beruflich ausgefallen sind und nun wieder in ein Arbeitsfeld einsteigen möchten, sei es im bisherigen oder in einem neuen Berufsfeld. Wenn eine Rückkehr ins bisherige Berufsfeld nicht mehr möglich ist, unterstützen wir unsere Kund*innen dabei, ihre vorhandenen Kompetenzen, Fähigkeiten und Interessen zu erkennen und neue berufliche Perspektiven zu entwickeln.
Die Dauer des Coachings ist individuell und richtet sich nach den Zielen und dem Bedarf der Kund*innen sowie der IV. Sie kann wenige Wochen umfassen, bei komplexeren Wiedereinstiegen auch mehrere Monate. Als Orientierung dient die Dauer einer IV-Massnahme, die meist auf drei Monate festgelegt ist. Wie viele Massnahmen jedoch für eine erfolgreiche Wiedereingliederung erforderlich sind, variiert stark und nicht immer gelingt die Eingliederung. Fest steht jedoch, die berufliche Wiedereingliederung braucht Zeit weshalb wir die Wichtigkeit betonen, psychische Gesundheit beim Arbeitsplatz entsprechend stark zu gewichten.